Once upon a time...

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02
Mrz

Per Default die Histaminverlustaversion discounten?

Disclaimer: Seit ich diesen Artikel geschrieben habe, hat sich bei mir einiges verändert. Ich lebe allgemein viel bewusster, kaufe anders ein usw., so dass viele der beschriebenen Probleme minimal geworden sind. Dennoch könnten die Konzepte für den ein oder anderen Leidesgenossen von bedeutung sein.

Kaum mach‘ ich ein paar Wochen Praktikum, fange ich schon an alles entsprechend der Themen zu analysieren, die wir dort haben. Das war bei mir schon immer so… als ich in der Inventur gearbeitet habe, habe ich Regale im Supermarkt nur noch nach ihrer Zählbarkeit analysiert, als ich bei der Post gearbeitet habe, habe ich bei jedem Haus immer als Erstes nach dem Briefkasten gesucht, und jetzt kommen mir eben sofort verhaltenspsychologische Ansätze in den Sinn.

Wie es scheint, kann die Diagnose Histaminintoleranz allgemein bei mir als klinisch gesichert angesehen werden. Und das nun schon seit ca. einem Jahr. Sollte eigentlich genug Zeit gewesen sein, ein Gleichgewicht zu finden, oder? Anscheinend nicht. Ich esse nämlich nach wie vor meistens was ich möchte, bzw. was halt gerade da ist. Schön blöd eigentlich. Aber warum? Tja, gute Frage, vielleicht hat das was mit Verlustaversion zu tun. Das wäre das erste verhaltenspsychologische Konzept, dass mir da in den Sinn kommt: Menschen finden es schlimmer etwas zu verlieren, als sie sich freuen etwas zu gewinnen. Ich würde also mit histaminfreier Ernährung Symptomfreiheit gewinnen. Im Gegenzug würde ich allerdings meine “esserische” Freiheit verlieren. Als ich erstmals dabei war, zu versuchen herauszufinden, was eigentlich mit mir los ist, habe ich mich eine ganze Weile histaminfrei ernährt, und siehe da, mir ging es besser! Nur habe ich das wohl nicht lange genug durchhalten können um in die gegenteilige Verlustaversionssituation (ach ich liebe die Deutsche Sprache) zu kommen. Also in die Situation, dass ich meine Symptomfreiheit verlieren würde, und dafür aber wieder essen könnte was ich wolle und dann also der Verlustaversion nach den Verlust der Symptomfreiheit um jeden Preis vermeiden wollen würde. Klar soweit? Okay.

Nächstes verhaltenspsychologisches Konzept: Der Default ist entscheidend, Menschen bleiben gerne beim Status quo. Nun ist es nicht so, dass ich meine Intoleranz komplett ignoriere, ich meine wenn ich ohne viel Aufwand, und ohne große Verluste, die Wahl habe, dann wähle ich das Produkt welches für mich besser verträglich ist. Aber wenn man mich vor eine Tafel Schokolade und eine Schüssel Gummibärchen setzt, würde ich trotzdem die Schokolade nehmen, weil ich sie eben lieber mag, und nach mir die Sintflut (oder die Magenkrämpfe). Also bei mir zu hause sind inzwischen sowieso die Grundnahrungsmittel histaminfrei oder -arm, und wenn ich nicht gerade ganz besonders Appetit auf irgendeine bestimmte Zutat habe, schaffe ich es auch ziemlich histaminarm zu kochen. Da fühle ich mich auch in meiner “esserischen” Freiheit kaum eingeschränkt und die Standard-Nahrung (Fachchinesisch: der Default) ist gut verträglich. Das Problem allerdings ist, dass zuhause selber das essen zubereiten bei mir nicht so wirklich der Defaultzustand ist. Sehr sehr häufig hole ich mir mindestens eine, wenn nicht sogar zwei oder auch mal alle drei Mahlzeiten des Tages irgendwo unterwegs. Diese Mahlzeiten sind “per default” in den seltensten Fällen gut verträglich. Es ist sicherlich so, dass es mir möglich wäre, das unterwegs gekaufte Essen so verträglich wie möglich zu gestalten, nur erfordert das wieder Abweichen vom Default, und extra Aufwand, zum Beispiel die Verkäufer bitten, ein Gericht spezifisch ohne diese oder jene Zutat zuzubereiten. Oder eben einen Imbiss weiter zu gehen, der vielleicht wohl etwas verträgliches hat. Oder bestenfalls, zu hause am Vortag etwas vorzubereiten. Es gibt der Möglichkeiten viele, doch alle erfordern sie ein Abweichen vom Status quo, vom Default, den ich mir über Jahre angewöhnt habe. Letztendlich schlägt das Auswärts Essen aufs Gewicht, aufs Geld, und auf den Magen – oder wenn’s mal nicht auf den Magen schlagen soll, dann schlägt es nochmal doppelt aufs Geld, da die Tabletten die das Essen verträglicher machen, mich pro Einnahme mal glatt über 2 Euro kosten, daher sollte ich mir das nehmen dringend abgewöhnen, indem ich meinen Default verändere.

Aber das erfordert Aufwand, bewusste vorherige Planung und vernünftige Entscheidungen, in dem Moment in dem ich Hunger habe, und eigentlich einfach diese Portion Spaghetti Bolognese, auf die ich so einen Appetit habe essen möchte. Da nehme ich doch lieber die irgendwann später (meistens leider innerhalb der nächsten halben Stunde) zu erwartetenden Symptome in Kauf. Dies passt zum Konzept des Discountings: sofortige Gewinne sind wichtiger als zukünftige eventuell größere Gewinne. Also wenn ich jetzt gerade meine Spaghetti Bolo haben möchte, dann ist für mich der sofortige Gewinn in dem ich sie jetzt einfach esse relevanter als die Vorstellung dass ich, wenn ich darauf jetzt verzichte, in einer Stunde keine Magenschmerzen haben werde, obwohl ich ganz genau weiß, dass es so sein wird.

Anscheinend handle ich tatsächlich die meiste Zeit im Sinne dieser Konzepte. Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung richtig? Wenn ich mir jetzt noch von diesen Psychologen abschauen könnte, wie man diese Muster durchbricht, dann müsste ich mein Problem doch eigentlich lösen können.

Eine momentan unter Politkern immer beliebtere Lösung in den verschiedensten Kontexten ist das “Nudging”. Nudging durchbricht diese Verhaltensweisen nicht, sondern macht sie sich zu Nutzen, zum Beispiel indem sie den Default verändern. Menschen halten sich im Allgemeinen an den Default, also muss man die erwünschte Option zum Default machen. Damit ist dann die Wahrscheinlichkeit hoch, das sich viele dafür “entscheiden”. Ein Beispiel ist es, in einer Kantine die gesündere Option gut sichtbar anzubieten und ungesündere Optionen im Hintergrund zu behalten. Diese ‘schlechteren’ Optionen sind dadurch nicht weg, aber es wird ein zusätzlicher Aufwand erfordert, um sich für sie zu entscheiden. Da in meinem Fall aber kein Politiker oder Ernährungsberater sich die Mühe machen wird mir im Supermarkt immer die histaminfreie Option auf Augenhöhe zu stellen – im Gegenteil, Sonderprodukte sind meistens, vermutlich auf Grund der geringeren Verkaufsquote, gut versteckt, und häufig ist es nötig dafür in mehrere spezielle Läden zu gehen (und teurer sind sie meistens auch noch)  – da mir das also kein Politiker die Entscheidung erleichtern wird, muss ich es also irgendwie schaffen mich selbst dahin zu nudgen und meinen eigenen Default zu verändern. Klingt verdächtig nach selbst-manipulation… Schauen wir mal wie und ob mir das gelingt!

Foto: FreeImages.com/alex2, Olga Shevchenko, lucio batistella

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