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04
Nov

Bewusster Verzicht: alternativlos loslassen?

Kürzlich bin ich über einen interessanten Beitrag gestolpert. Ein Startup möchte essbare Trinkhalme produzieren („Eatapple – Der Weltweit Erste Essbare Trinkhalm“), um damit eine ökologische Alternative zu Plastik-Trinkhalmen zu schaffen.

Klingt erstmal löblich, dachte ich mir. Aber ist es denn sinnvoll eine nachhaltige Alternative für etwas zu schaffen, was komplett verzichtbar ist? Schließlich braucht die Menschheit wohl kaum Strohhalme um glücklich zu sein – geschweige denn zu überleben. Auch unseren heiligen hohen Lebensstandard würden wir wohl kaum aufgeben müssen, wenn es keine Trinkhalme mehr gäbe. Wäre es daher nicht weitaus sinnvoller, diese komplett abzuschaffen?

Diese Überlegung brachte mich zu einem viel allgemeineren Gedanken. Sollte es uns nicht prinzipiell möglich sein, auf bestimmte Dinge bewusst zu verzichten – ohne eine Alternative zu erwarten?

Nachhaltige Alternativen: die Lösung aller Probleme?

Ich habe das starke Gefühl, dass wir für alles, was schlecht ist, eine „gute“ Alternative suchen. Eine nachhaltige, sozial und ökologisch vertretbare Alternative, die weniger Müll, weniger Schadstoffe und weniger Emissionen produziert. Biologisch abbaubar, wiederverwertbar und fairer. Einen Freifahrschein für unseren Konsum quasi.

Nachhaltige Alternativen für eben solche Sachen wie fossile Brennstoffe, Kosmetikprodukte, Nutella, Eier, Pappbecher, Kaffee, Handys … Trinkhalme.

Da stellt sich die Frage: Wieso brauchen wir überhaupt für alles eine Alternative? Wäre nicht Verzicht in zumindest einigen Fällen die beste Nachhaltigkeitsstrategie? Warum steht diese Option scheinbar nie zur Debatte?

Natürlich möchte ich nicht alles in einen Topf werfen. Nicht alle Dinge – auch nicht von den oben genannten (von mir wahllos durcheinander gewürfelten) Beispielen – sind so einfach aus unserer Gesellschaft zu verbannen. Einiges würde drastische Konsequenzen haben – für die Gesellschaft im Allgemeinen oder für den Einzelnen.

Energie, Technik und Transport zum Beispiel. Wir können nicht von heute auf morgen auf Strom verzichten oder unseren Computer abgeben. Nicht jeder kann sofort das Auto stehen lassen und mit dem Rad zur Arbeit fahren.

Auch viel banalere Dinge sind nicht ganz so einfach wegzudenken. Shampoo etwa, ein weniger tragisches Beispiel zwar, aber dennoch für den Einzelnen durchaus relevant. Dass Menschen ohne Shampoo überleben können und dabei nicht einmal ungepflegt aussehen, ist kein Geheimnis mehr. Haare lassen sich – nach einer mehr oder weniger angenehmen Umgewöhnungsphase – auch nur mit Wasser reinigen. Ich kenne Menschen, die das erfolgreich praktizieren. Aber das ist nicht für jeden etwas.

Nicht jeder möchte sich Urlaub nehmen, um seine Haare auf ein künftiges „nie wieder Shampoo“ vorzubereiten. Ökologisch vertretbare Alternativen zu Schauma und Co. (wie etwa ein Shampoobar), halte ich daher schon für ziemlich sinnvoll. Selbstverständlich ist das eine rein subjektive Aussage und vermutlich würden mir einige widersprechen.

Aber was ist mit den wirklich überflüssigen Dingen?

Ein Überfluss an überflüssigen Dingen

Wir leben im Überfluss von unnützen Dingen. All diese Produkte, die wir eben nicht brauchen um satt zu werden, uns persönlich zu entfalten, an der Gesellschaft teilzuhaben, zu arbeiten oder glücklich zu sein. Der Verzicht würde uns keineswegs in unserer Lebensqualität einschränken.

Ich finde, dass der Strohhalm ein Paradebeispiel für unnötige Dinge im Allgemeinen darstellt. Dinge wie Tütensuppen (fast schon verstörend, dass es die auch in vermeintlich nachhaltigen Öko-Alternativen gibt), Tabak und Kaffee, Nutella und Schokoladen-Ostereier, Tiefkühlpizza, Sportduschgel for Men, Anti-Cellulite Creme, Glitzerschminke, Einhorn-Weihnachtskugeln…

Ich behaupte sogar: Der Verzicht vieler Dinge, würde unsere Lebensqualität nicht nur nicht einschränken, sondern sogar steigern. Sowohl seelisch, als auch körperlich.

Wenn wir ehrlich sind: Selbst wenn es nachhaltige Alternativen für etwas gibt, dann sind die oft immer noch scheiße. Häufig ist eine vermeintliche Nachhaltigkeit einfach nicht transparent genug und nur scheinbar besser. Attribute wie „nachhaltig“, „fair, „bio“ oder „vegan“ sind heutzutage eben leider auch eine Marketingstrategie.

Nachhaltiger Überkonsum bleibt letztendlich immer noch Überkonsum.

Warum tun wir uns so schwer damit „verzichten zu wollen“?

Warum verzichten wir daher nicht einfach auf gewisse Dinge – minimalisieren unseren Verbrauch? Und warum ist das überhaupt so ein heikles Thema, bei dem sich gleich jeder persönlich angegriffen fühlt? Es müssten ja nicht alle direkt auf die gleichen Dinge verzichten. Man müsste ja nicht sofort ein allgemeines Verbot aussprechen (obwohl ich das bei den Trinkhalmen durchaus befürworten würde). Aber jeder von uns kann – und davon bin ich überzeugt – getrost und ohne Mühe auf manche Dinge verzichten.

„Das kann man von den Menschen doch nicht verlangen“, „Mit dieser Einstellung kommt man nicht weit“ oder „So bringt man niemanden dazu etwas zu ändern“ … Phrasen, die mir spontan in den Kopf kommen und die wohl auch kreative bewusste Menschen dazu treiben, eher nach Alternativen zu suchen, anstatt die Möglichkeit eines Verzichts zu propagieren.

Wir Menschen wollen uns nicht einschränken lassen, wir wollen frei entscheiden – und uns selbstverständlich von niemanden etwas sagen lassen. Wir neigen sogar dazu, aus Trotz und falschem Stolz genau das Gegenteil von dem zu machen, was eigentlich gut ist. Wie der Fleischesser, der nun erst recht sein tägliches Kantinen-Schnitzel futtert, weil er sich von dem nervigen Vorzeige-Veganer mit seinen Massentierhaltung-Massaker-Bildern nichts sagen lassen will.

Ich bin selbst so. ich kann es auch überhaupt nicht leiden, wenn mich jemand mit gehobenem Zeigefinger auf meine Fehler hinweist. Ich muss selbst darauf kommen, dass manche Dinge blöd (oder weniger gut) sind, die ich tue. Nur so kann ich etwas ändern – auf etwas verzichten. Selbst erkennen, wie gut es mir am Ende damit geht.

Jeder muss es für sich selbst erkennen.

Das „Alles haben wollen“-Privileg können wir uns nicht mehr leisten

Ein Verzicht auf gewisse Dinge, die wir einfach nicht brauchen, ist stets nachhaltiger, als jegliche Produktion von nachhaltigen Alternativen. Dennoch scheuen wir uns vor dieser Lösung, weil wir gewohnt sind, alles haben zu können. Bei bestimmten Dingen stellen wir deren Existenz auch erst gar nicht in Frage – einfach nur weil sie immer da waren. Bedeutend sind sie jedoch häufig nicht für uns. Wie die Trinkhalme eben.

Ich möchte übrigens die ökologische Trinkhalm-Idee und die Menschen, die dahinter stehen, auf keinen Fall schlecht machen. Die Intention ist sicherlich eine sehr gute. Vermutlich gehen die Produzenten davon aus, dass Menschen einfach nicht auf Strohhalme verzichten wollen und werden (was ja leider gar nicht mal so unrealistisch ist). Ich finde dieses Strohhalm-Beispiel einfach nur unglaublich passend für die Gesamtsituation.

Der Strohhalm steht also stellvertretend für all die anderen unnützen Dinge, die keiner braucht – aber eben haben kann.

Aber können wir uns als Menschheit überhaupt noch dieses „Ich will aber“ Denken leisten? Diese Arroganz etwas haben zu wollen – und sei es auch noch so sinnlos – nur weil man’s eben kann? Die teilweise sogar trotzige Verweigerung auf etwas verzichten zu wollen – egal wie banal und wertlos es ist?

Die Antwort ist ganz klar: Nein, wir können uns das nicht mehr leisten. Wir müssen lernen auf bestimmte Dinge zu verzichten. Auf dieser Welt gibt es einfach keinen Platz und keine Ressourcen mehr für weitere Trinkhalme.

Verzicht ist kein Verlust

Welche echte Alternative haben wir also? Wir müssen lernen loszulassen. Nicht alles und nicht auf einmal. Aber dennoch gewissenhaft und konsequent. Lasst uns diesen aufregenden „wir brauchen nicht alles“ – Gedanken eine faire Chance geben. Potenzielle Vorteile entdecken. Verzicht bedeutet nicht zwangsläufig Verlust. Er kann etwas sehr Gutes sein – wir werden dadurch gesünder, freier und bewusster.

Schließlich werden wir erkennnen, dass wir sehr wohl ohne bestimmte Dinge leben können – und dass der Longdrink auch sehr gut ohne Trinkhalm schmeckt.

Foto: unsplash.com

2 Responses

  1. Jette

    „Nachhaltiger Überkonsum bleibt letztendlich immer noch Überkonsum.“ –> Da war der Finger in der Wunde, die vorher (bewusst) noch gar nicht da war. Vielen Dank für´s Ertappen.

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